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Die komplexe Abhängigkeit des Menschen von der Natur wird durch Forschung und Politik nicht angemessen berücksichtigt

Kooperatives Promotionsprogramm beteiligt sich an Studie zur internationalen Konferenz über die Erhaltung der biologischen Vielfalt in Nagoya, Japan: Lösungen müssen radikal sein

Der Schutz funktionierender Ökosysteme ist eine Grundvoraussetzung für ein langfristiges Wohlergehen des Menschen und das Fortbestehen der Zivilisation. Unglücklicherweise wird diese Abhängigkeit von einem Großteil der Menschheit verkannt. Ein neues vom Sekretariat der UN-Biodiversitäts-Konvention herausgegebenes Buch, welches im Rahmen der derzeitig in Nagoya, Japan abgehaltenen 10. Vertragsstaatenkonferenz präsentiert wird, analysiert die komplexen Zusammenhänge zwischen biologischer Vielfalt und menschlicher Entwicklung.

Der Schutz funktionierender Ökosysteme ist eine Grundvoraussetzung für ein langfristiges Wohlergehen des Menschen und das Fortbestehen der Zivilisation. Unglücklicherweise wird diese Abhängigkeit von einem Großteil der Menschheit verkannt. Ein neues vom Sekretariat der UN-Biodiversitäts-Konvention herausgegebenes Buch, welches im Rahmen der derzeitig in Nagoya, Japan abgehaltenen 10. Vertragsstaatenkonferenz präsentiert wird, analysiert die komplexen Zusammenhänge zwischen biologischer Vielfalt und menschlicher Entwicklung.


Die Globalisierung menschlicher Aktivitäten und die globalen Umweltveränderungen machen es immer schwieriger, diese Zusammenhänge zu verstehen und zu untersuchen. Oftmals konzentrieren sich Forscher und politische Entscheidungsträger auf mehr oder weniger isolierte Details, ohne dem komplexen Charakters des Erdsystems und der sich gegenseitig beeinflussenden Probleme in angemessener Weise gerecht zu werden. Beispielsweise ist es nicht möglich aus der geographischen Verteilung von menschlicher Entwicklung und dem Zustand der Natur auf lokale Ursachen-Wirkungsbeziehungen zu schließen. In vielen Ländern verringern hohe Exportraten natürlicher Ressourcen auf Kosten einer zunehmenden Übernutzung der Natur die Bereitstellung lokaler Ökosystemdienstleistungen. Hiervon sind wiederum die Einwohner der ärmsten Regionen in Entwicklungsländern in besonderem Maße betroffen. Die Umweltkosten für den hohen Lebensstandard in höher entwickelten Ländern werden in vielen Fällen in ärmere Länder exportiert, in denen sich die Ökosysteme noch durch eine vergleichsweise hohe Produktivität auszeichnen. Im Ergebnis erlaubt der internationale Handel den entwickelten, zahlungskräftigen Ländern die Schonung ihrer eigenen Ressourcen. Deutschland kann zum Beispiel u.a. auch deshalb seine große Waldfläche erhalten (30% des Landes), weil es landwirtschaftliche Flächen außerhalb seines Staatsgebietes nutzt und somit teilweise von Ökosystemleistungen abhängt, die andere Länder bereitstellen. Auf der anderen Seite leiden Staaten wie z.B. Madagaskar, welche den Verlust heimischer Ökosystemleistungen nicht durch Handel und Übertragung von Umweltkosten auf andere Staaten kompensieren können, zusehends unter der entsprechenden sinkenden Funktionstüchtigkeit ihrer Ökosysteme. In Madagaskar kann sogar die akute politische Instabilität mit dem Verlust an biologischer Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen in Verbindung gebracht werden.


Der Mitherausgeber des Buches, Professor Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde in Deutschland postuliert: “Radikales Denken und radikale Ansätze sind nötig, um den konvergierenden Herausforderungen von explodierendem Wachstum der Bevölkerung mit immer schneller wachsenden Bedürfnissen und Ansprüchen sowie den dramatisch anschwellenden Problemen des globalen Umweltwandels zu begegnen. Zu oft beschäftigt sich die Erhaltung der biologischen Vielfalt mit der Behandlung lediglich einzelner Symptome von etwas, das einer komplexen Krankheit gleicht”.

Dr. Ahmed Djoghlaf, Generalsekretär der Biodiversitäts-Konvention der Vereinten Nationen, pflichtet den Autoren der Studie in seinem Vorwort bei: “Unsere moderne Zivilisation erfährt – aufgrund zunehmender Urbanisierung und stark zersplitterten Wissens – eine zunehmende Entfremdung von der Natur und damit eine Verringerung des allgemeinen Verständnisses unserer realen Abhängigkeit von Biodiversität und Ökosystemen. Das komplexe, mit einer weltweiten Finanzarchitektur verflochtene globale Wirtschaftssystem hat die Tatsache, dass all diese menschlichen Systeme als Teil-Systeme des großen Erdökosystems verschachtelt bleiben, verschleiert”.


Die Autoren der Studie fordern einen weitaus radikaleren Ansatz der Biodiversitätserhaltung. Im Rahmen eines „Radikalen Ökosystemansatzes“ sollten sich die Bemühungen zur Erhaltung der biologischen Vielfalt viel stärker auf die zugrunde liegenden Ursachen von nicht nachhaltiger Entwicklung konzentrieren. Konkrete Elemente zur Umsetzung dieses Ansatzes könnten „Ökologische Ökonomie“ und „Ökonik“ sein. Ökonik wird als eine neue Disziplin vorgeschlagen, welche die Nachahmung von Ökosystemprozessen und -funktionen vorantreibt, um ein verbessertes Ökosystemmanagement und Funktionieren sozioökonomischer Systeme zu erreichen. „Wir müssen viel systematischer aus der Untersuchung natürlicher komplexer Systeme lernen, wie nachhaltige Entwicklung erreicht werden kann“, sagt der britische Koautor Dr. Peter Hobson vom Writtle College. Dies schließt auch eine alternative Wissenschaftsperspektive ein, welche die unvollkommene Erkenntnisfähigkeit des Menschen berücksichtigt und auf das Management pluralistischer und komplexer Systeme angemessen eingeht. Eine derartige Wissenschaft geht über das Aufführen von ‚harten Fakten‘ und entsprechender klassischer wissenschaftlicher Beweisführung hinaus.

Ein sogenannter post-normaler Ansatz zur Erhaltung von Natur und natürlichen Ressourcen umfasst auch eine bessere Berücksichtigung sozialer und historischer Beziehungen bzw. kultureller Eigenheiten, welche im Rahmen einer gemeinsamen Entwicklung von menschlichen Gesellschaften und Natur entstanden sind. Die Mitherausgeberin der Studie Thora Herrmann von der Universität Montreal warnt: „Die bio-kulturelle Vielfalt ist ernsthaft bedroht. Die Krise des Aussterbens in der Natur umfasst Arten und Ökosysteme, aber auch Sprachen und die diversen Managementpraktiken hunderter menschlicher Kulturen”.

Studie: Ibisch, P.L. & A. Vega E., T.M. Herrmann (eds.) 2010. Interdependence of biodiversity and development under global change. Technical Series No. 54. Secretariat of the Convention on Biological Diversity, Montreal.
Hyperlink: http://www.cbd.int/doc/publications/cbd-ts-54-en.pdf


Kontakte:

Prof. Dr. Pierre L. Ibisch, Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Fachbereich für Wald und Umwelt, Forschungsprofessur für „Biodiversität und Naturressourcenmanagement im globalen Wandel“ for “Biodiversity and natural resource management under global change”, Alfred-Möller-Str. 1, 16225 Eberswalde, pierre.ibisch@hnee.de

Prof. Dr. Thora Martina Herrmann, Université de Montréal, Director of the Canada Research Chair in Ethnoecology and Biodiversity Conservation, CP6128 Succursale Centre-Ville, Montréal, Québec, H3C 3J7, Canada, thora.martina.herrmann@umontreal.ca 

Dr. Peter Hobson, Writtle College, University of Essex, Senior Lecturer in Conservation Management. Chelmsford, Essex CM1 3RR, UK, Peter.Hobson@writtle.ac.uk

Alberto Vega E. Senior Programme Officer, Biodiversity for Development Initiative, Secretariat of the Convention on Biological Diversity, 413, Saint Jacques Street, suite 800 Montreal QC H2Y 1N9, Canada, alberto.vega@cbd.int / alberto.vega@gtz.de.